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Abschied in Raten: Wenn Alzheimer und Demenz das Vertraute nehmen


 

Der Abschied von einem geliebten Menschen ist immer schwer – doch wenn er in kleinen Schritten geschieht, ist es besonders schmerzhaft. Alzheimer und andere Demenzerkrankungen verändern nicht nur die betroffene Person, sondern auch das gesamte Umfeld. Angehörige erleben den geliebten Menschen schrittweise anders, verlieren nach und nach gemeinsame Erinnerungen und stehen oft hilflos vor der Frage: Wie gehe ich mit diesem schleichenden Abschied um?

 

Der schleichende Verlust

 

Alzheimer / Demenz ist nicht nur eine Krankheit des Vergessens – sie nimmt Identität/Persönlichkeit, Selbstständigkeit und Vertrautheit.

Angehörige erleben oft zuerst kleine Veränderungen: Ein Schlüssel wird verlegt, Namen werden verwechselt, vertraute Abläufe geraten durcheinander. Doch bald folgt eine bittere Realität: Die betroffene Person hält Unwahrheiten für wahr, erzählt Geschichten, die nicht stimmen, und wehrt sich mit aller Kraft gegen jede Form der Hilfe. Es ist schwer zu akzeptieren, dass nicht böser Wille oder Absicht dahintersteckt, sondern die Krankheit.

 

Besonders frustrierend ist es, wenn Außenstehende – Nachbarn, entfernte Verwandte oder Freunde – die Situation verkennen. Sie erleben den Erkrankten oft in lichten Momenten und sagen dann Sätze wie: „So schlimm ist es doch gar nicht!“ oder „Sie kann sich doch noch ganz normal unterhalten!“ Sie ahnen nicht, dass das geordnete Erscheinungsbild nur Fassade ist – eine letzte verzweifelte Schummelei, um die Kontrolle zu behalten. Für enge Angehörige, die den Zerfall tagtäglich erleben, ist diese Diskrepanz zermürbend.

 

 

Ohnmacht, Wut und Schuldgefühle

 

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Die Pflege eines Menschen mit Alzheimer / Demenz ist nicht nur physisch herausfordernd, sondern auch emotional komplex. Neben der tiefen Liebe und Fürsorge entstehen oft auch Frustration, Wut und Erschöpfung. Es ist unendlich schwer zu akzeptieren, dass man nicht helfen kann – dass es keine Heilung gibt. Man versucht, etwas zu erklären, nur um im nächsten Moment wieder zu hören, dass alles vergessen wurde. Diskussionen über Realität sind sinnlos, aber man erwischt sich immer wieder dabei, es doch zu versuchen.

Die Ungerechtigkeit dieser Krankheit, das ständige zurückgewiesen werden, die Vorwürfe der erkrankten Person – all das kann Wut auslösen. Und sofort danach kommen die Schuldgefühle: Darf ich mich überhaupt ärgern? Muss ich nicht mehr Geduld haben? Sollte ich nicht dankbar sein, dass die Person überhaupt noch da ist?


Besonders schwer ist es, wenn die geliebte Person Angehörige beschuldigt oder sie nicht mehr erkennt. Plötzlich ist man für sie nicht mehr das Kind, der Ehepartner oder die Schwester, sondern eine fremde Person. In solchen Momenten spürt man eine unbeschreibliche Traurigkeit – als wäre der Abschied schon geschehen, obwohl der Mensch noch lebt.

 

 

Der Konflikt zwischen Nähe und Pflege

 

Es ist oft schwer zu akzeptieren, dass die Pflege durch nahe Angehörige schwieriger ist als durch Außenstehende. Während Pfleger oder entfernte Bekannte oft mit Freundlichkeit empfangen werden, reagieren Alzheimer- / Demenzkranke auf ihre engsten Vertrauten mit Misstrauen, Wut oder sogar Angst. Das kann unfassbar schmerzhaft sein. Der Mensch, den man liebt, lehnt einen plötzlich ab – während er mit anderen freundlich scherzt. Diese Ungerechtigkeit zu ertragen, ist eine der größten Herausforderungen.

 

 

Persönlichkeitsveränderungen und Aggressionen

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Bei Alzheimer und anderen Formen der Demenz können Persönlichkeitsveränderungen auftreten, die häufig zu Aggressionen führen. Studien zeigen, dass etwa 30-50% der Menschen mit fortgeschrittener Alzheimer / Demenz Verhaltensauffälligkeiten zeigen, darunter auch aggressive Verhaltensweisen. Diese können sich in verbaler Aggression, körperlichen Ausbrüchen oder Wutausbrüchen äußern.

Die Ursachen sind vielfältig und oft mit den kognitiven und emotionalen Veränderungen der Krankheit verbunden. Verwirrung, Schmerzen, die Unfähigkeit, sich selbst auszudrücken, oder die Wahrnehmung von Bedrohung durch Halluzinationen oder Paranoia können zu solchem Verhalten führen. Für Angehörige ist dies besonders herausfordernd, da es schwerfällt, mit dieser Wut und Frustration umzugehen, die keine rationale Grundlage mehr hat.


 

 

Der Wunsch nach einem Ende – und die Schuld danach

 

Wenn die Krankheit weit fortgeschritten ist, wenn die Pflege rund um die Uhr erfordert wird und das eigene Leben völlig auf der Strecke bleibt, kommen manchmal Gedanken, die man sich selbst nicht zu denken erlaubt: „Ich halte das nicht mehr aus.“ Oder gar: „Es wäre besser, wenn es bald vorbei ist.“ Diese Gedanken sind normal. Sie entstehen aus Erschöpfung und Verzweiflung – nicht aus Mangel an Liebe. Doch wenn die geliebte Person dann tatsächlich stirbt, kommt oft die nächste Welle der Schuld: Wie konnte ich mir das wünschen? Habe ich mich nicht genug gekümmert? Habe ich es nicht genug ausgehalten?

Hier ist es wichtig, sich selbst zu vergeben. Es ist unmenschlich, von sich zu erwarten, unendlich stark zu sein. Es ist kein Zeichen von Lieblosigkeit, sondern von Erschöpfung, wenn man an seine Grenzen kommt. Und es bedeutet nicht, dass man den Menschen nicht genug geliebt hat.

 

 

Kleine Momente der Nähe bewahren

 

Auch wenn das Gespräch mit einer an Alzheimer / Demenz erkrankten Person schwieriger wird, gibt es Wege, um Nähe zu bewahren:

 

  • Musik: Vertraute Lieder wecken oft Erinnerungen und Emotionen, selbst in späten Krankheitsstadien.

 

  • Berührungen: Eine sanfte Umarmung oder das Halten der Hand kann mehr sagen als Worte.

 

  • Rituale: Gemeinsame Abläufe – wie das Vorlesen eines alten Lieblingsbuchs – geben Struktur und Sicherheit.

 

  • Fotografien: Bilder aus der Vergangenheit können Erinnerungen wachrufen und Gespräche anregen.

 

 

 

Loslassen, ohne aufzugeben

 

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Irgendwann kommt der Moment, in dem die Pflege zu Hause nicht mehr möglich ist. Der Umzug in ein Heim oder eine spezialisierte Einrichtung bedeutet für viele Angehörige einen weiteren Abschied. Oft fühlen sie sich, als würden sie die geliebte Person im Stich lassen. Doch es ist wichtig zu erkennen: Diese Entscheidung wird aus Liebe getroffen, nicht aus Bequemlichkeit. Professionelle Pflege kann nicht nur die Lebensqualität des Erkrankten verbessern, sondern auch ermöglichen, dass sich die Angehörigen wieder auf die emotionale Verbindung konzentrieren können, anstatt von der körperlichen Pflege völlig erschöpft zu sein.

 

Ein schmerzlicher, aber bedeutsamer Weg

 

Abschied in Raten ist eine der schwersten Erfahrungen, die Angehörige machen müssen. Wut, Verzweiflung und Schuld gehören dazu – doch sie bedeuten nicht, dass man nicht genug liebt. Es geht nicht darum, festzuhalten, was nicht mehr ist – sondern darum, das zu bewahren, was noch möglich ist. Und sich selbst zu erlauben, mit Liebe, aber ohne Schuld, durch diesen Prozess zu gehen.


Herzlichst Corinne

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